“Silbermond verraten Pop”, so titelt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift NEON im Ressort Musik über die ostdeutsche Erfolgsband.
Logisch- jeder darf seinen eigenen Geschmack haben, insbesondere Musikkritiker. Doch was ist auf der seriösen Kritik geworden, die in renommierten Magazinen den Kulturteil bevölkert? Sind denn heute nur noch diejenigen Menschen Kritiker, die ihre eigene Karriere verpatzt haben und deshalb über jeden Erfolg Anderer wettern?
Eine Kritik, das lernt jeder Schüler im Deutschunterricht der Sekundarstufe eins, soll konstruktiv sein. Sie vermittelt eine schlüssige Argumentation und zeigt möglichst noch Verbesserungsvorschläge auf. Ellen Hermes, Sprachcoach aus München, hat aber ein deutsches Problem erkannt. Es wird zu oft “nur noch negativ kritisiert”. Deutschland brauche mehr positives Feedback. Doch genau das ist bei Musikkritikern wohl noch nicht angekommen. Sie versteifen sich darauf, alles, was Erfolg hat, schlecht zu reden, und berufen sich dabei auf ihren eigenen Geschmack sowie das “independent”, sprich Indie- sein. Doch Indie ist tot, von den Massen überrannt, die sich als Indie sehen und dabei nur noch einen Einheitsbrei darstellen. Nichtsdestotrotz wird weiter geschimpft, gemeckert und gezetert.
Silbermond als erfolgreichste ostdeutsche Band und ebenfalls erfolgreicher Export besonders nach Österreich und in die Schweiz, wird, wo es nur geht, mies geredet. Mit ihrem dritten Album “Nichts passiert” war die Band von Null auf eins in den deutschen Albumcharts durchmaschiert. Genau dieser Fakt führte also zwangsläufig dazu, dass den “Monden” auf ein Neues die Missgunst der privilegierten pessimistischen Spezies der Kritiker ausgesprochen wurde.
“Von schier nicht zu umfahrender Daueranwesenheit ist dagegen immer die Musik, die man eben nicht hören möchte. Die des musikalischen Sparkontoquintetts Silbermond zum Beispiel. Doch halt! Das Herumtrampeln auf Silbermond gehört gleich nach dem Herumtrampeln auf den Toten Hosen und dem Herumtrampeln auf U2 zu den billigsten Standard-Disziplinen des Musikjournalismus, da kann sich von mir aus die Wut-Kolumne des Leverkusener Hassanzeigers drum kümmern”
Erik Pfeil, Autor des FAZ- Blogs “Das Pop- Tagebuch“, verallgemeinert die gesamte deutsche Hörerschaft zu einem “man”. Ungeachtet dessen, dass die Verkaufszahlen des Silbermond- Albums ein ganz anderes Bild geben. “Man” ist, mit Verlaub, dazu noch ein Wort, das in einem journalistischen Text einfach nicht aufzutauchen hat. Pfeil meint selbst, dass er es nicht wert sei, auf dem “Sparkontoquintett” herumzutrampeln und gibt das an seiner Meinung nach minderwertigere Blätter ab. Viel beschäftigt hat sich der von Beruf permanent beschallte Mensch mit den Musikern offenbar nicht. Sind sie doch weniger ein Quintett als ein Quartett, das immerhin noch handgemachte Musik produziert und sich nicht durch die Hände berühmter “Hitschreiber” reichen lässt.
NEON- Redakteur Ingo Mocek geht sogar noch weiter. Mit ihren so Balladen à la “Irgendwas bleibt”, sollen sie doch lieber das Musikantenstadl stürmen, als MTV. Auch wenn Balladen das sind, was die Band ausmacht, so schlägt das gesamte Album ganz andere Töne an. Schneller Rock herrscht vor, Rave- Elemente nehmen ihren Platz ein und die Band wird nicht müde, sich selbst aufs Korn zu nehmen. Das wird nicht gewürdigt, sondern sogar bei Plattenkritiken einfach verschwiegen.
Natürlich soll hier nicht nur Silbermond erwähnt werden. Auch ganze Veranstaltungen werden von Kritikern immer wieder verrissen. Der Musikpreis Echo beispielsweise, der in diesem Jahr wieder seinen früheren Platz in den öffentlich- rechtlichen Sendern einnahm, bekam besonders in den wohl vor Neid erzürnten Privatsendern, aber auch in überregionalen Zeitungen sein Fett weg. Die Moderationen durch Oliver Pocher und Barbara Schöneberger seien grottig gewesen, die Live- Acts grausam und überhaupt sei die gesamte Veranstaltung nur noch eine Farce. Doch standen nicht auch Weltgrößen wie U2 und Depeche Mode auf der Bühne und begeisterten? Oliver Pocher mag besonders mit seinem Hitler- Witz geschmacklos gewesen sein. Doch sollte sich nicht die gesamte öffentliche Welt daran aufgeilen, wie die Übergänge von Act zu Act gestaltet wurden, sondern eher dem Beachtung schenken, was bei einem solchen Preis im Mittelpunkt steht: Der Musik.
Und das sei auch der versammelten Gruppe der Musikkritiker gesagt. Beschäftigt euch wieder mehr mit der Musik! Lasst sie auf euch wirken, prangert sie an, wenn sie mies ist, aber dann bitte mit schlagkräftigen Argumenten. Haut zu! Wenn es angebracht ist. Und ziert euch nicht, auch mal Lob auszuteilen. Nicht nur für Underground- Musik sondern auch für etablierte Künstler.